Zu Beginn jedes Jahres wird in unserer Gemeinde ein Bibelvers gezogen, welcher uns durch das Jahr begleitet. Dieses Mal mit einer wunderbaren Zusage aus Sprüche 3,26:

“Denn der Herr wird deine Zuversicht sein und deinen Fuss bewahren vor dem Fallstrick.”

Solche Zusagen geben uns ein ruhiges Gefühl und versichern uns, dass wir auf Gott vertrauen dürfen. Doch wie ordnen wir diese Textstelle ein? Gilt diese Zusage jedem oder gibt es noch eine Bedingung an die sie geknüpft ist? Dazu lohnt es sich, die gröberen Umrisse in welche der Vers eingebettet ist zu untersuchen. Zwei grössere Themen möchte ich kurz beschreiben: Der Weg der Weisheit und die Gottesfurcht.

Die ersten 9 Kapitel im Sprüchebuch sind ein zusammenhängender Redekomplex. Die Textabschnitte werden immer wieder mit den Worten “mein Sohn” eingeleitet. Es könnte sein, dass Salomo diesen Text an seine vielen Söhne schreibt. Das Sprüchebuch richtet sich aber auch an uns. Die Weisheit Gottes neigt sich zu uns herab und versucht uns zu unterweisen. Wie ein Vater sein Kind lehrt, so lehren uns die Sprüche. Ein Sohn ist sich sicher, dass sein Vater ihm tiefes Wohlwollen entgegen bringt.

Zwei Lebensweisen

Sehr kunstvoll sind die Texte geschrieben. In Kapitel 1 heisst es, dass die Weisheit laut um Aufmerksamkeit ruft. Dabei wird sie personifiziert. Sie fragt sich, wie lange die “Unverständigen und Spötter” sich ihr weiterhin entziehen. Sie versucht uns zur Umkehr und zur Erkenntnis zu rufen. Sie lacht und spottet über alle, die sie verwerfen. Am Schluss endet sie mit der sicheren Zusage: “Wer aber auf mich hört, der wird sicher wohnen; er kann ohne Sorge sein und muss kein Unheil fürchten.” Im Gegensatz dazu steht Frau Torheit (Dummheit) aus Kapitel 9. Auch sie lädt Menschen ein, bei ihr einzukehren. Auch sie gibt Ratschläge und weist Menschen den Weg. Wer auf ihre Ratschläge hört, der läuft in sein Verderben: “Er weiss aber nicht, dass die Schatten dort hausen und ihre Gäste in den Tiefen des Totenreiches”, so endet der Redekomplex in Kapitel 9.

Die Bibel fordert uns immer wieder zu einer klaren Entscheidung auf. Es gibt keinen Zwischenweg. Entweder wir suchen “die Weisheit” oder gehen auf den Weg von “Frau Torheit”.

Die Furcht Gottes

Wer sich fragt, was das wichtigste Thema der Sprüche ist, der wird schnell auf die Gottesfurcht stossen: 13 Mal wird uns die Gottesfurcht ans Herz gelegt (1,7; 1,29; 2,5; 8,13; 9,10; 10,27; 14,2; 14,27; 15,33; 16,6; 19,23; 23,17; 31,30). Warum sollten wir Furcht vor Gott haben? Ist nicht eher Vertrauen wichtig? Furcht klingt nicht sehr attraktiv? Für den Autoren der Sprüche ist sie jedoch der erste Baustein für ein Leben mit Weisheit. Mit der Gottesfurcht nehme ich Gott als den wahr, der er ist. Er ist mein Schöpfer, mein Leben, meine Versorgung, meine Hilfe, mein Retter und noch viel mehr. Als Geschöpf bin ich völlig von Gott abhängig. Mein Körper, meine Blutbahnen, jede Zelle, meine Gehirnströme, mein Atmen, mein Herzschlag, jedes physikalische Gesetz und alle Ordnungen des Universums, alles ist in der Hand von diesem Gott. Ohne ihn kannst du keinen Buchstaben von diesem Text lesen. Die richtige Haltung von uns Geschöpfen ist es, im Angesicht dieser tiefsten Abhängigkeit und unserem totalen Unvermögen, ihm den höchsten Respekt zu zollen. Wenn uns diese Realität nur bruchstückhaft vor Augen geführt wird, entsteht in unserem Leben eine tiefe Gottesfurcht:

“Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis.” (1,7)

Durch die Furcht vor Gott verstehen wir, wie fest es an seinem Segen gelegen ist. Wir streben danach ihn zur ersten Priorität zu machen. Wir versuchen so zu leben, dass es ihm gefällt. Wir wissen: Gott kann uns auf vielfältige Weise im Leben leiten und helfen. Warum sollten wir nicht seine Weisheit zum Wichtigsten im Leben machen?

Gott als Zuversicht

Umso schöner ist es, wenn nun dieser unvorstellbare, furchterregende, gewaltige Schöpfergott zu unserer persönlichen Zuversicht wird. Der Jahresvers (Vers 26) ist an den Vers 21 geknüpft. Es ist eine “Wenn- dann” Satzkonstelation. Das heisst die Zusage des Jahresverses ist an diese Bedingung geknüpft: “Mein Sohn, lass dies niemals aus den Augen; bewahre Überlegung und Besonnenheit!” Wenn wir Überlegung und Besonnenheit nicht aus den Augen lassen, dann gleichen wir dem Schöpfergott, der die ganze Welt durch Weisheit gegründet hat. Auch der Himmel oder die Atmosphäre ist mit Einsicht geschaffen (Vers19). Durch seine Pläne hat Gott ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem für die gesamte Erde geschaffen (Vers 20). Rund 500’000 km³ Wasser fallen jährlich auf die Erde. Das ist das unglaubliche Potenzial einer weisen Lebensführung. Durch Weisheit lässt sich viel bewirken. Diese beiden Worte “Überlegung und Besonnenheit” beschreiben die Fähigkeit, Dinge objektiv zu beurteilen und weise, zielführende Entscheidungen zu treffen. Das Gegenteil davon wäre, aufgrund von plötzlichen, emotionalen Regungen unüberlegt und kurzsichtig zu handeln. Auf keinen Fall sollen wir unsere Augen davon lassen, weise und überlegte Entscheidungen zu treffen. Ein Mensch der gut über seine Lebensführung reflektiert, der ist vor dem plötzlichen Schrecken sicher. Der Vers 23 und 24 beschreibt gut: “Dann wirst du sicher auf deinem Weg gehen, und dein Fuss stösst nicht an. Ohne Furcht wirst du dich niederlegen und liegst du, so wird dein Schlaf süss sein.” Auch der Herr wird für dich sorgen und dich sogar vor den Gefahren bewahren, welche du durch deine Überlegungen nicht voraussehen kannst:

“Denn der Herr wird deine Zuversicht sein und deinen Fuss bewahren vor dem Fallstrick.”